Lexikon
Orthosomnie – Wenn der Wunsch nach perfektem Schlaf selbst zum Stressfaktor wird
Was bedeutet Orthosomnie?
Der Begriff Orthosomnie beschreibt ein Phänomen, bei dem Menschen versuchen, ihren Schlaf mithilfe von Schlaftrackern, Apps oder Messwerten zu optimieren und dabei zunehmend unter Druck geraten. Der starke Fokus auf scheinbar „perfekte“ Schlafwerte kann paradoxerweise zu mehr Anspannung, schlechterem Einschlafen und unruhigerem Schlaf führen.
Der Schlaf wird damit von einem natürlichen Prozess zu einer Leistung, die ständig bewertet wird.
Wie entsteht Orthosomnie?
Viele digitale Geräte liefern detaillierte Daten zu Schlafphasen, Bewegung, Herzfrequenz oder angeblicher Schlafqualität. Diese Werte wirken objektiv, sind jedoch häufig nur grobe Schätzungen. Werden sie zu ernst genommen, entsteht leicht das Gefühl, der eigene Schlaf sei „nicht gut genug“, selbst wenn man sich eigentlich erholt fühlt.
Die Folge: steigende Selbstbeobachtung, Grübeln über Werte und zunehmender Leistungsdruck rund um das Thema Schlaf.
Warum zu viel Kontrolle Schlaf verschlechtern kann
Schlaf funktioniert am besten, wenn das Nervensystem in einen Zustand von Sicherheit und Entspannung wechseln kann. Ständige Bewertung, Sorgen um Zahlen oder der Versuch, den Schlaf aktiv zu kontrollieren, halten jedoch genau jene Anspannung aufrecht, die erholsamen Schlaf erschwert.
Damit entsteht ein Kreislauf: mehr Kontrolle führt zu mehr Stress, mehr Stress zu schlechterem Schlaf – und dieser wiederum zu noch stärkerer Kontrolle.
Interessanter Aspekt: Gefühl schlägt Messwert
Viele Menschen verlassen sich stärker auf technische Messungen als auf ihre eigene Körperwahrnehmung. Dabei ist das morgendliche Gefühl von Erholung, Energie und Klarheit oft ein verlässlicherer Hinweis als algorithmisch berechnete Schlafscores.
Schlafqualität lässt sich nicht vollständig in Zahlen abbilden.
Praktische Impulse für gesünderen Umgang mit Schlaftracking
Ein ausgewogener Umgang mit Technik kann helfen:
- Schlaftracker eher als grobe Orientierung nutzen, nicht als Bewertungssystem
- morgens zuerst auf das eigene Körpergefühl achten statt auf Daten
- feste Abendroutinen zur Entspannung etablieren
- Bildschirmzeit vor dem Schlafen reduzieren
- gelegentlich bewusst trackerfreie Nächte einplanen
Schlaf verbessert sich selten durch Kontrolle, sondern durch Bedingungen, die Sicherheit, Rhythmus und Entspannung fördern.
Orthosomnie zeigt, dass selbst gesundheitsbezogene Technologien unbeabsichtigt Stress erzeugen können, wenn sie zu stark in den Mittelpunkt rücken. Erholsamer Schlaf entsteht nicht durch perfekte Zahlen, sondern durch ein Nervensystem, das wieder lernen darf, loszulassen.
