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Overdiagnosis – Wenn mehr Diagnosen nicht automatisch mehr Gesundheit bedeuten

Was bedeutet Overdiagnosis?

Overdiagnosis bezeichnet das Erkennen von Befunden oder Veränderungen, die zwar diagnostisch nachweisbar sind, aber im weiteren Leben keine Beschwerden verursacht hätten. Dennoch führen solche Diagnosen häufig zu weiteren Untersuchungen, Behandlungen oder langfristiger Medikamenteneinnahme.

Das Ergebnis: Der Mensch gilt als krank, obwohl ohne Diagnose möglicherweise nie Probleme entstanden wären.

Wie entsteht Überdiagnostik?

Moderne Diagnostik wird immer empfindlicher. Hochauflösende Bildgebung, umfangreiche Labortests und Screeningprogramme entdecken zunehmend kleinste Veränderungen. Nicht jede dieser Veränderungen ist jedoch klinisch relevant.

Wird jede Abweichung automatisch als behandlungsbedürftig interpretiert, entstehen schnell zusätzliche Diagnosen – häufig ohne echten gesundheitlichen Nutzen.

Warum Overdiagnosis problematisch ist

Überdiagnosen können mehrere Folgen haben:

  • unnötige Behandlungen mit möglichen Nebenwirkungen
  • steigende Unsicherheit und Krankheitsangst
  • langfristige Medikamentenabhängigkeit ohne klaren Nutzen
  • Fokus auf Laborwerte statt auf tatsächliche Beschwerden
  • zusätzliche Kosten und Belastung des Gesundheitssystems

Vor allem aber kann Overdiagnosis dazu führen, dass Menschen sich dauerhaft als krank wahrnehmen, obwohl ihre Lebensqualität zuvor nicht eingeschränkt war.

Das Problem der Grenzwerte

Viele medizinische Grenzwerte werden regelmäßig angepasst und teilweise abgesenkt. Dadurch fallen immer mehr Menschen in diagnostische Kategorien, ohne dass sich ihre tatsächliche Gesundheit verändert hat.

So entsteht ein wachsender Bereich zwischen „gesund“ und „krank“, in dem zahlreiche Menschen behandelt werden, obwohl unklar ist, ob sie jemals Beschwerden entwickelt hätten.

Warum mehr Diagnostik nicht automatisch bessere Medizin bedeutet

Die Vorstellung, dass möglichst viele Tests automatisch zu besserer Gesundheit führen, greift zu kurz. Entscheidend ist nicht die Menge der Diagnosen, sondern die Relevanz für das tatsächliche Wohlbefinden und die langfristige Lebensqualität.

Ein medizinischer Befund ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer behandlungsbedürftigen Erkrankung.

Praktische Impulse für den Umgang mit Diagnosen

Ein bewusster Umgang mit Diagnostik kann helfen:

  • bei neuen Diagnosen nach der tatsächlichen Bedeutung und Prognose fragen
  • klären, ob eine Veränderung beobachtet oder sofort behandelt werden muss
  • Nutzen und mögliche Nebenwirkungen geplanter Maßnahmen abwägen
  • den Fokus nicht nur auf Werte, sondern auf Symptome und Alltagseinschränkungen richten
  • Zeit als diagnostischen Faktor berücksichtigen, wenn keine akute Gefahr besteht

Nicht jede entdeckte Abweichung benötigt sofort eine Intervention. Manchmal besteht die sinnvollste Strategie darin, Entwicklungen aufmerksam zu beobachten, statt reflexartig zu handeln.

Overdiagnosis erinnert daran, dass Medizin nicht nur durch zu wenig, sondern auch durch zu viel Diagnostik Probleme erzeugen kann. Entscheidend bleibt die Frage, ob eine Diagnose dem Menschen tatsächlich hilft – oder lediglich eine neue Kategorie schafft, die zusätzliche Belastung bringt.